Perfektionismus vs. Gelassenheit
24/05/2026
Oder: Wie ich meinen Perfektionismus im Zaum halte

Ich besitze ein wunderschönes, rosafarbenes Leinenkleid. Da das Wetter in den nächsten Tagen wieder wärmer wird, halte ich im Kleiderschrank schon seit einiger Zeit gezielt Ausschau nach ihm. Doch so angenehm sich Leinen auch tragen lässt – besonders bei warmen Temperaturen –, so leicht knittert der Stoff leider auch. Tatsächlich fällt mein Blick fast jeden Morgen auf dieses Kleid. Doch im Wissen darum, wie zerknittert es meistens ist, lasse ich es einfach hängen. „Das musst du an diesem Wochenende unbedingt bügeln“, schießt es mir dann durch den Kopf.

Und so vergehen die Tage – und tatsächlich auch etliche Wochen. Jedes Wochenende habe ich eine andere Ausrede parat. Bis heute – an einem wunderschönen Samstag –, an dem ich endlich eine gehörige Portion Motivation aufbringe, das Kleid ein für alle Mal zu bügeln. Mit einer gesunden Dosis Selbstzuspruch nehme ich das Kleid vom Bügel, breite es auf dem Bett aus und stelle – als Erinnerung – das Bügeleisen direkt daneben. Es sollte jedoch noch den gesamten Vormittag dauern, bis das Bügeleisen mich – jedes Mal, wenn ich daran vorbeigehe – förmlich anschreit, endlich mit dem Bügeln des Kleides anzufangen.

Wenn es oben stimmt, passt es unten nicht

Ich räume mein großes Bett frei, damit ich das Kleid vollständig darauf ausbreiten kann. Übersät mit großen und kleinen Falten – erfordert es einiges an Arbeit – *warmer* Arbeit –, all diese kleinen Knitterstellen zu glätten. Doch ich mache gute Fortschritte. Der Stoff nimmt langsam wieder seine weiche, fließende Form an. Die Vorderseite ist fast fertig. Beflügelt von meinem Erfolg lasse ich das Bügeleisen nun schneller über den Stoff gleiten. Und *zack* – bleibt ein Stück sofort hängen und hinterlässt eine tiefe Falte. Ich gehe noch einmal langsam über die Stelle. Doch die hartnäckige Falte will einfach nicht vollständig verschwinden.  Dann drehe ich das Kleid auf links und drücke extra lange auf die Dampftaste, in der Hoffnung, die Falte auf diese Weise endlich herauszubekommen. Doch wie so oft bei Kleidung gelingt es einem nie ganz, die Positionierung oder das Timing perfekt hinzubekommen. Wenn es oben richtig sitzt, stimmt es unten nicht; wenn es vorne passt, passt es hinten nicht. Und so stehe ich nun hier – mit meinem Hang zum Perfektionismus und diesem Kleid, das zwar inzwischen seine vielen winzigen Knitterfalten verloren hat, dafür aber leider die eine oder andere größere Falte dazugewonnen hat.

Perfektionismus vs. Gelassenheit

Seufzend halte ich das Kleid hoch und mustere es. Mein Perfektionismus flüstert mir zu: „Das musst du unbedingt noch einmal überarbeiten. So kannst du es unmöglich lassen.“ Meine Gelassenheit hingegen entgegnet: „Ach, warum denn nicht? Es ist doch völlig in Ordnung, wenn es ein paar Falten hat. Die glätten sich von selbst, sobald du das Kleid trägst.“ Mit diesem Gedanken im Hinterkopf hänge ich das Kleid auf seinen Bügel. Ich werfe noch einen letzten nachdenklichen Blick darauf und nicke dann zustimmend in Richtung meiner Gelassenheit. „Sie hat recht. Ein paar Falten gehören dazu; bei einem so locker geschnittenen Kleid fallen sie ohnehin kaum auf.“

Was ich damit sagen möchte? Wann immer sich Ihr Perfektionismus zu Wort meldet, laden Sie Ihre Gelassenheit zu diesem inneren Dialog ein und fragen Sie sich, ob es wirklich notwendig ist, die Dinge noch perfekter machen zu wollen. Manchmal genügen auch 80 Prozent. Auf diese Weise kann ich den restlichen Nachmittag ganz entspannt in der Sonne verbringen – ein Buch lesen und genau diesen Artikel hier schreiben.

In diesem Sinne: Bleiben Sie gesund, bleiben Sie neugierig und – vor allem – bleiben Sie gelassen.

Ihre Diana Soti

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