Loslassen für Anfänger
07/07/2026

Oder: Wie ich losgelassen wurde und welcher Gedanke mir geholfen hat.

Es ist ein später Nachmittag. Ich klicke mich gemütlich durch meine verschiedenen Browserfenster. Im Moment sind es 63 offene Seiten, auch Tabs genannt. Und nein, ich bin nicht verrückt. Ich liebe es nur, alle möglichen Informationen zu sammeln. Man weiß doch nie, wofür man das noch mal gebrauchen kann. Und ja, ich gebe es zu, etwas loszulassen verlangt starke Nerven von mir. Denn weg ist halt weg. Das gilt auch für E-Mails. Davon befinden sich über 230 allein in meinem Postfach. Von den anderen Ordnern ganz zu schweigen.  

Es war mein Fehler

Heute allerdings wurde ich losgelassen. Das heißt, die Tabs waren weg. Einfach weg. Nein, es war kein Hackerangriff oder so was. Es war mein Fehler. Statt alle Tabs nach dem Start wie immer schön ordentlich zu öffnen, wollte ich diesmal nur schnell nach einem Buch schauen. 22 Bahnen von Caroline Wahl. Ich war so neugierig, dass ich erst dieses Buch, dann ihr zweites Buch, dann etwas über sie, dann ähnliche Bücher und so weiter. Sie kennen ja das Spiel. Viele schöne neue Tabs.

Die Kurzschlussreaktion

Eine Kaffeepause später und immer noch tief in der Recherche versunken, klicke ich eher beiläufig auf den Verlauf, um meine 4 Browserfenster zu öffnen. Angezeigt werden mir nur einzelne Seiten, nicht mehr meine Sammlung an Browserfenstern. Ich gerate etwas in Panik. Klicke verzweifelt und überhastet hier und da. Suche nach Hinweisen, nach Lösungen. Lösche Seiten, rufe neue auf. Long story short: Es ist alles weg und ich fahre, in einer Kurzschlussreaktion, entnervt den Laptop runter. 

Ja, hätte ich mal …

Es folgen diverse „Hätte ich doch mal …“- Ideen. Aber wie heißt es so schön: „Hätte, hätte, Fahrradkette.“ Zur Ablenkung gehe ich in die Küche und koche etwas. Das hilft mir gut, um den Kopf auf Durchzug zu stellen. Irgendwann kann ich dann wieder klar denken und finde doch noch eine Lösung. Zwei Stunden später, es ist mittlerweile nach 21 Uhr, starre ich wieder auf meinen Bildschirm. Die diversen Browserfenster kann ich da leider immer noch nicht finden. Es liegt eine gewisse Traurigkeit auf meinen Schultern. Denn im Vergleich zu den vorher mal vorhandenen 60 Seiten flimmern jetzt gerade mal noch 8 davon auf meinem Bildschirm auf.

Wow, das tut schon echt weh. All die schönen Hotels, in denen ich mich irgendwann mal verwöhnen lassen wollte. All die Buchempfehlungen und Denkanstöße. Einfach weg. Das einzig Gute ist, dass ich mich zum Großteil nicht mehr daran erinnern kann, was ich eventuell verpasse. Ich lehne mich in meinem Sessel zurück und schaue in das Dunkel der Nacht.

Vielleicht hat es auch was Gutes?

Und dann kommt mir ein Gedanke: Vielleicht hat es auch etwas Gutes? Sozusagen Loslassen für Anfänger. Denn wenn ich ehrlich bin, habe ich die meisten Seiten seit fünf oder sechs Monaten eh nicht mehr angeschaut. Aber mit jedem Öffnen der Browserfenster wurde ich daran erinnert, was ich doch alles noch lesen und machen wollte/sollte. Das fühlte sich oft wie eine unendlich große To-do-Liste an. Erdrückend. Und plötzlich ist neben der Traurigkeit über das Verlorene auch so etwas wie Erleichterung da. Ja, ein Gefühl der Leichtigkeit, weil diese übergroße To-do-Liste gerade auf ein paar Seiten zusammengeschrumpft ist. Und trotz all meiner Befürchtungen, was ich denn verpassen könnte, dreht sich die Welt einfach weiter. 

Natürlich weiß ich, dass ich diese Gewohnheit des Seiten-Sammelns nicht von heute auf morgen ablegen werde. Dafür kenne ich mich zu gut. Wahrscheinlich schaue ich in einer Woche schon wieder auf 3 verschiedene Browserfenster mit jeweils mindestens 10 offenen Seiten. Aber ich versuche mich daran zu erinnern, dass ich diese Seiten doch auch immer wieder mal wieder schließen kann und sollte.

Und was ist die Quintessenz hier? Na, ja damit Sie meine Geschichte nicht nur unterhält, sondern vielleicht auch inspiriert, kommt hier eine kleine Anregung: Wie wäre es, wenn Sie bestimmte Dinge heute loslassen? Seien es Gedanken, Vorstellungen – von sich und anderen – oder so einfache Dinge wie E-Mails und Homepages?

In diesem Sinne: Bleiben Sie gesund, neugierig und vor allem gelassen.

Ihre Diana Soti

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