Warum wir unsere mentalen Schubladen immer mal wieder öffnen sollten
22/09/2026

Oder: Warum wir unsere mentalen Schubladen immer mal wieder öffnen sollten

Es ist Dienstag. Ich leite ein Seminar zur Stressbewältigung. Unter den Teilnehmern sitzt eine Frau, die kaum zwei Minuten nach Beginn ihr Handy zückt und konzentriert liest, schreibt oder sonst etwas darauf tut. Solche Situationen kennt wohl jeder – ob im Meeting, beim Kaffee oder im Seminar. Da sitzt jemand vor einem und tippt ungeniert aufs Handy. Mein erster Gedanke: Die Person ist unhöflich. Wenn ihr mein Seminar nicht gefällt, könnte sie wenigstens das Handy verstecken oder einfach gehen. Man muss nicht alles mögen, was ich sage, aber ein bisschen Anstand, oder?

Ich ignoriere sie zunächst. Warum sollte ich mich aufregen? Lieber widme ich mich den Menschen, die mir zuhören. Ein oder zwei Tage später sehe ich die Frau wieder in einem Vortrag. Wieder holt sie ihr Handy heraus und tippt eifrig. Am nächsten Tag das gleiche Bild. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Ich habe sie und ihr Verhalten in eine Schublade gesteckt und diese geschlossen. Fall erledigt.

Doch dann passiert etwas Unerwartetes. Eine andere Teilnehmerin – die beiden sitzen meist zusammen – bittet mich um ein Blatt Papier. Sie möchte sich einen Gedanken notieren, den ich gerade geäußert habe. Ich freue mich über diese kleine Geste. Als sie das Blatt bekommt, beugt sie sich zur Frau mit dem Handy, schaut auf das Display und fragt: „Was hast du geschrieben? Das kann ich nicht lesen. “ Die Frau mit dem Handy wiederholt ein paar Sätze, die meine Gedanken treffend wiedergeben.

Ich lehne mich zurück, blicke zur Decke, vermutlich steht mein Mund offen. Dann muss ich schmunzeln. Ich öffne innerlich die Schublade, hole die beiden Damen wieder heraus und schließe sie mit einem verschmitzten Lächeln.

Was will ich damit sagen? Wir stecken Menschen oft vorschnell in Schubladen. Das geht leicht und macht das Leben manchmal einfacher, weil wir nicht ständig alles hinterfragen müssen. Doch vielleicht sollten wir öfter innehalten und Menschen nicht zu schnell beurteilen. Vielleicht sollten wir unsere mentalen Schubladen immer mal wieder öffnen und überprüfen.

In diesem Sinne: Bleiben Sie gesund, bleiben Sie neugierig und vor allem: bleiben Sie gelassen.

Mit Liebe, Diana

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